Beruf und Chance Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2006, Nr. 138, S. 63


Zur Sache
 
Bewerbung
 
Welche Aufgaben hat ein Bewerber im Vorstellungsgespräch?

Diplompsychologin und Psychologische Psychotherapeutin Brigitte Scheidt
Brigitte Scheidt, Berlin
Coach, Psychologische Psychotherapeutin

 

Sie erhalten die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Gratulation! Ihre formalen Qualifikationen stehen nicht mehr zur Debatte. Nun erwartet Sie ein kurzfristiges Forschungsvorhaben. Innerhalb kurzer Zeit muß "erforscht" werden, ob Sie in das Unternehmen beziehungsweise das Unternehmen zu Ihnen paßt. Wird nicht sorgfältig geprüft oder gar getäuscht, dann hat das gravierende Folgen, materiell wie immateriell: a) Täuscht das Unternehmen (hinsichtlich Zusagen, Leitkultur und so weiter), werden potente Mitarbeiter frustriert das Unternehmen schnellstmöglich verlassen, (retainment problem). b)Täuscht der Kandidat, wird sich das Unternehmen von ihm trennen. Erfahrungsgemäß tut dies dem Ego nicht gut. Unternehmen wie Bewerber müssen in einem Gespräch also bestmöglich entscheidungsfähig werden und sich dabei im eigenen Interesse unterstützen.

Wie jedes Forschungsprojekt bedarf auch dieses der Vorbereitung. Als Bewerber haben Sie sich über das Unternehmen und die Aufgabe kundig gemacht. Mindestens ebenso wichtig ist es, daß Sie sich gut ken-nen. Sie sollten unter anderem wissen: Sind Sie eher ein Team- oder ein Soloplayer? Liegt Ihnen Moderation oder eher der Kampf? Was bedeutet Erfolg für Sie? Was ist Ihnen wichtig? Nur mit diesem Wissen über sich selbst und Ihre Motivation sind Sie wirklich prüf- und antwortfähig. Ihr Beitrag zur Entscheidungsfindung besteht nämlich darin: a) Als Person erkennbar und damit unterscheidbar zu sein. b) Innerhalb eines kurzen Gespräches in der Lage zu sein, in Kontakt mit dem Gegenüber zu treten und c) herauszufinden, ob die Stelle zu Ihnen paßt. Viele Bewerber sind damit beschäftigt, es "richtig" zu machen, orientieren sich an den vermeintlichen Erwartungen und Empfehlungen. "Fester Händedruck, Blickkontakt, dynamisch auftreten." Sie können jedoch nicht wirklich wissen, auf was Ihr Gegenüber achtet. Was, wenn der Abteilungsleiter dynamisches Auftreten nicht mag, ihn Blickkontakt eher anstrengt? Vielleicht wollen Sie gar nicht unter so jemandem arbeiten? Es gibt für vieles kein "richtig" oder "falsch". Die wichtigste Orientierungsquelle sind Sie. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und auf die innere Stimme zu hören. Meine Erfahrung ist, Menschen, die im Bewerbungsgespräch authentisch auftreten, haben bei gleicher Qualifikation höhere Erfolgschancen.

Die Autorin ist Karriereberaterin und Diplompsychologin in Berlin.


 
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